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Volcán Barú

08.11.2015

Was wäre eine Tour nach Lateinamerika ohne Bergbesteigung?! Es steckt ja schon eine gewisse Tradition dahinter mich irgendwo auf diverse Anhöhen raufzuschleppen. Und umso länger wir in Boquete sind, je mehr verspüre ich den Reiz es mit dem Vulkan Barú zu versuchen, mit 3.475 m der höchste Berg Panamas und der einzige Ort an dem man gleichzeitig Pazifik- und Karibik sehen kann. Die alternativen wären Trekkingstouren durch den Urwald, allerdings nur mit Guide und das reizt mich wenig. Der Vulkan an sich bietet kein Bilderbuch-Motiv, wie man es von anderen Feuerspuckern in Südamerika kennt. Er ist nicht mehr aktiv und größtenteils bewaldet, so dass man nicht unbedingt darauf schließen kann sich hier vor oder auf einem Vulkan befindet. Auf dem Gipfel gibt es zudem eine Wetterstation, sowie diverse Funkmasten. In meinem Reiseführer steht: „Nach dem Aufstieg durch den Nebelwald, erwartet einen auf dem Gipfel ein unspektakulärer Antennenwald.“ Trotzdem will ich mir den Blick von oben nicht entgehen lassen und der Weg an sich soll auch ganz schön sein.

 
Viele Infos geben die Reiseführer nicht her. Die staatliche Touristenformation, die sich praktischerweise mit einem Touranbieter das Büro teilt, bremst mich erstmal aus: Alleine könne ich den Vulkan auf gar keinen Fall besteigen, da würden mich die Ranger nicht durchlassen. Außerdem ist der Berg sowieso nicht so toll, am besten ich buche eine Trekkingtour durch den Urwald – am nächsten Schreibtisch… Ich lehne dankend ab und suche ein Hostel auf, dass von einem deutschen betrieben wird, welcher angeblich gute Tipps geben soll. Klaus sitzt gerade in seiner Essküche, ein BVB-Pin am Hemd und schaut Fußball-Bundesliga mit spanischem Kommentar. Hier werden gefühlt alle Spiele live übertragen, denn immer wenn wir mal ein TV-Gerät haben, finde ich beim durch zappen ein deutsches Spiel. Und nicht nur die Bayern, sondern zuletzt Schalke – Ingolstadt. Da ich mich vor 5 Jahren vom Fußball-Fan Dasein verabschiedet habe, wußte ich noch nicht mal das Ingolstadt in der Bundesliga spielt… Zurück zum Thema: Klaus ist sehr hilfsbereit, allerdings scheint das Spiel ihn zu fesseln. Er meint es sei gar kein Problem alleine zu gehen. Der Weg sei grundsätzlich gut zu finden, es sei eine Dirt-Road, also ein Weg den auch Geländewagen befahren können, wegen der Wetterstation. Ich soll ein Taxi nehmen bis zur Rangerstation, kostet ca. 10 $ für 11 km. Steil hoch, bisschen runter, wieder hoch, dann Serpentinen, die nicht enden wollen, kurz runter und dann nochmal Steil zum Gipfel, den man dann auch schon sehen kann. Er schätzt für mich 5 – 6 Std. für 13,5 km hoch, 4 Std. runter, denn viel schneller könne man bergab nicht laufen. Ein paar Abzweigungen gibt es, die führen zu Privatgrundstücken. Normalerweise würde ich das erkennen, außer ich will nachts aufsteigen, um bei Sonnenaufgang oben zu sein. Interessanter Vorschlag! Ich hake nach: Das Hostel Mamallena, bei dem wir auch das Shuttle gebucht habe, organisiert Touren, die Nachts auf den Vulkan steigen. Sollte ich das machen, soll ich auf gar keinen Fall alleine gehen. Der Weg sei sehr schlecht und wenn ich mir unterwegs ein Bein breche, sitze ich sonst die ganze Nacht da und warte auf Hilfe… Und ich solle auf gar keinen Fall auf dieser oder einer der anderen Touren alleine in den Wald gehen. So ein- zweimal im Jahr würden Leute verschwinden, die sich im Urwald einfach verlaufen und nicht mehr rausfinden. Auch der Rücktransport könne ein Problem sein, ich solle spätestens um 7.00 Uhr an der Rangerstation sein, damit ich mittags noch die Chance habe eine Rückfahrmöglichkeit zu bekommen, also gegen halb sieben am Hotel los. Genug Wasser und warme Kleider sei wichtig, denn es könne gut -5° Grad sein am Gipfel. Dann bremst er meine Euphorie und meint, er glaube nicht, dass ich aktuell während der Regenzeit die Karibik sehen kann. Pazifik zu 95 % aber die karibische Seite sei meist in den Wolken. Er muß es wissen, denn Klaus war schon acht mal oben. Das ziemlich deutsche eingerichtete Häuschen ist geschmückt mit Bildern aus aller Welt. Klaus scheint ein echter Weltenbummler zu sein. Ich hätte mich gerne noch länger unterhalten, aber will ihn dann doch nicht noch mehr Zeit mit seinem Lieblingsverein rauben. Dankend verabschiede ich mich und bin hoch motiviert, den Gipfel zu erreichen!

 
Im Supermarkt besorge ich mir Verpflegung und drei Liter Wasser für den Aufstieg am nächsten Morgen (Sonntag). Vanessa meint, ob das nicht bisschen viel sei, aber ich bin immerhin min. 10 Std. unterwegs. Meine Gedanken kreisen auch noch um eine nächtliche Besteigung, aber da möchte ich Klaus Rat nicht außer acht lassen. Nach dem Abendessen, gegen 19.00 Uhr, lässt es mir doch keine Ruhe und in gehe ins Hostel Mamallena, direkt an der Plaza. Man klärt mich auf, dass sie keine Touren, sondern nur einen Transport zum Fuße des Berges anbieten. Von dort müsse man alleine gehen. Kosten: 5 $. Bei Interesse kann ich mich an der Wand in eine Liste einschreiben. Dort stehen bereits fünf Namen, ich bin Nummer sechs. Um 23.30 Uhr geht’s los. Also noch viereinhalb Stunden zum packen, duschen, Kind zum schlafen bringen, zum Hotel hin- und zurück und selbst noch ein bisschen ausruhen. Ich rechne mit 3 Stunden Schlaf, am Schluß ist es eine, da auf Kommando um neun ins Bett nicht gerade meine Stärke ist. Bergab brauche ich 15 Minuten zur Plaza, der Ort ist wie ausgestorben. Nur an der örtlichen Disko ist noch betrieb. Nun hat es sich zumindest gelohnt, dass ich meine Regenjacke, Fleece-Pulli und Wanderschuhe durch halb Panama geschleppt habe. Im Hostel warten die fünf anderen Namen. Der erste, den ich kennenlerne ist Gabriel. Er lebt in Boquete und begleitet Alex, einer Amerikanerin, die er hier kennengelernt hat. Ein Pärchen aus Belgien, Cecille und Mehdi sind noch dabei, sowie Andrew aus New Jersey. Wir erhalten eine kurze Einweisung zum Weg (ähnlich der von Klaus) und das wir auf dem Rückweg morgen früh bei den Rangern die Gebühr für den Nationalpark nachzahlen sollen. Er fragt uns nach unserer Kleidung, da es oben empfindlich kalt werden könnte und empfiehlt Handschuhe mit zu nehmen. Die habe ich sogar mit nach Panama genommen, dann aber mit diversen anderen Kleidungsstücken für die kälteren Bergregionen in Kolumbien, in unserem Hostel in Panama-City deponiert. Na ja, was solls, wenigstens habe ich die Batterien in meiner Stirnlampe vor kurzem gewechselt, dazu rät er uns nämlich auch.
Ich versuche mir den Weg des Minibus zu merken, verliere aber nach kurzer Zeit den Überblick bei der kurvigen Straße. Am Fuß des Vulkans werden wir raus gelassen und nun sind wir auf uns alleine gestellt, es ist 23.45 Uhr. Gabriel war schon öfter auf dem Gipfel und übernimmt mehr oder weniger die Führung. Der Weg ist erstmal steil und mit großen Felsbrocken wirklich schlecht zu laufen. Nach 10 Minuten kommen wir an die Rangerstation. Drinnen brennt noch Licht, Gabriel meint wir sollen uns leise verhalten, scheinbar sind nächtliche Besteigungen doch nicht erwünscht. Er erzählt er habe auch schon als professioneller Guide gearbeitet und wäre zuletzt bei einen Wettkampf unter den Guides als schnellster in 3,5 Stunden oben gewesen. Dies ginge aber nur weil er die Abkürzungen kenne. Er ist ein super netter Typ, aber ich bin mir nicht sicher, ob er vielleicht am Ende doch ein “Trinkgeld“ erwartet. Alex war mit ihm bereits gestern auf einer anderen Tour unterwegs und erwähnt davon nichts. Sie arbeitet in einer gemeinnützigen Organisation in Panama-City und nutzt das Wochenende und die Feiertage um durchs Land zu reisen. Wir erreichen ein Schild mit der Angabe 1 km – alles andere als motivierend. Gabriel macht uns auf einen Aussichtspunkt aufmerksam, von welchem wir das nächtlich beleuchtete Boquete von oben überblicken können. Hier wird auch gleich die erste Pause eingelegt. Obwohl ich mich in keinem guten Fitnesszustand befinde, würde ich eigentlich gerne schneller laufen und nicht ständig Pausen machen, passe mich aber dann doch der Gruppe an. Sollte ich in 1-2 Stunden feststellen, dass wir es in dem Tempo nicht bis 6.00 Uhr zum Sonnenaufgang auf den Gipfel schaffen, kann ich immer noch schneller gehen. Nach kurzer Zeit schlägt Gabriel vor uns eine Abkürzung zu nehmen. Neben der Weg ist ein Zaun, den er öffnet und durch den Wald zeigt, durch den man die Serpentine abschneiden kann. Wir überlegen und entscheiden uns dann für den normalen Weg, welcher steil und uneben genug ist. Andrew und ich machen Witze über amerikanische Horrorfilme, in denen sich nun die Gruppe trennen und dann von irgendwelchen Hinterwäldlern verschleppt werden würde. Die Dunkelheit und die Geräuschkulisse des Waldes tragen die entsprechenden Effekte bei. Gabriel beginnt plötzlich zu rennen und ist irgendwann nicht mehr zu sehen. Dann taucht er kurze Zeit später wieder hinter uns auf. Er wollte uns scheinbar den Nutzen einen seiner “Short-Cuts“ demonstrieren. Ab und an pfeift er seltsame Tonleitern und man weiß nie aus welcher Richtung es kommt. Mich erinnert er ein bisschen an einen Darsteller in “Touristas“. Hier gibt es auch einen Einheimischen, der sich mit den Backpackern anfreundet, um sie in die Berge in ein Haus zu locken, wo ihnen später die Organe entnommen werden… Irgendwann tauchen Lichter hinter uns auf. Wir bleiben stehen, die Lichter hinter uns auch. Gabriel ruft, sie sollen ruhig herkommen, aber keine Antwort. Es ist leise. Wir gehen weiter, die Lichter bewegen sich auch wieder. Mir fallen unweigerlich Klaus Worte ein, von den Touristen, die im Wald verschwinden. Das “Drehbuch“ bisher verspricht zumindest eine gewisse Spannung. Gabriel fragt uns ob wir die Sage vom Vulkan Barú kennen, wir verneinen aber er will sie dann doch nicht erzählen. Ganz wie im Film…

 
Alex hat Probleme das Tempo zu halten. Sie fällt immer weiter zurück und Cecille bleibt bei ihr, wobei wir dann auch immer wieder stoppen um auf die beiden zu warten. Irgendwann kommen die Lichter dann doch näher. “Nur“ eine weitere Bergsteigergruppe mit offiziellem Guide zieht an uns vorbei. Drei von ihnen, wahrscheinlich Europäer, professionell gekleidet. Der vierte ist Panamaer und tut sich erkennbar schwer. Er bleibt fortan bei uns und bildet mit Alex die Nachhut, während seine Gruppe mit seinem Guide davonzieht. Unser Tempo ist mittlerweile o.k., rein rechnerisch sollten wir pünktlich oben sein. Aber die Strecke ist anstrengend und fordert höchste Konzentration, denn es liegen immer wieder große lose Steine mitten auf dem Weg oder der Untergrund ist vom Matsch so rutschig, dass man aufpassen muß nicht hinzufallen. Die Spurrillen der Fahrzeuge sind teilweise so ausgewaschen, dass ich mich wundere wie hier selbst ein hochbeiniges Fahrzeug vorwärtskommen soll, ohne aufzusetzen. Mehdi ist Marokkaner und verbringt gerade seinen zweiwöchigen Urlaub bei seiner Freundin Cecille, die für ihre belgische Firma ein halbes Jahr in Panama-City arbeitet. Die beiden sind die unterhaltsamsten der Gruppe und wir gehen bestimmt 2 Stunden durch die Dunkelheit und reden über dies und jenes. Irgendwann kommen wir natürlich auch auf das Thema Flüchtlinge und ich stelle fest wie wenig die beiden in Belgien von dem was uns derzeit in Deutschland bewegt mitzubekommen scheinen. Ich habe selbst nicht im Blick wie sehr Belgien genau involviert ist, aber als direkter Nachbar, sollte man doch solch beherrschende Themen mitkriegen. Oder wird es bei uns vielleicht nur unnötig dramatisiert…?! Beide meinen, sie hätten von der Situation in Deutschland mal was im Fernsehen gesehen. Dass es derart die Medien bestimmt, können Sie sich gar nicht vorstellen. Nun, Mehdi kommt selbst aus einem muslimischen Land und teilt meine Ansicht, dass man das Problem vor Ort in den Griff bekommen muß. Die wenigsten Menschen leben gerne fern der Heimat und ohne Krieg würde der Großteil von alleine zurückwandern. Also sollten doch wir, jeder einzelne, vielleicht überlegen, ob wir hier in Europa weiterhin auf unserem Geld sitzen oder den Menschen helfen sollten, bei denen 1 € mehr am Tag zwischen Leben und Sterben entscheidet. Stehen wir als gebildete Völker nicht irgendwo in der Pflicht unseren Nachbarvölkern zu helfen?! Vielleicht sollten wir auch einfach alle Grenzen abbauen und die Staaten abschaffen, wie zuletzt ein Peruaner zu mir meinte. Dann brauch sich auch niemand mehr über Flächen streiten, die ihm auf dem Papier gehören. Brauchen wir überhaupt Staaten, Zäune, Kontrollen, Zölle, Steuern usw….ich finde den Denkansatz spannend. Aber davon sind wir sicher weit entfernt, weiter als wir vom Gipfel. Und dies soll ja kein politischer Blog, sein, obwohl ich davon sicher auch Seiten füllen könnte. Ich erfreue mich aber einfach jedes Mal, wenn ich mit weltoffenen Menschen zusammentreffe und über Dinge sinnieren kann, für die man in Deutschland meist Kopfschütteln erntet. Das sind die manchmal die Momente für die sich das Reisen lohnt, nicht nur die Länder, nicht nur die wunderbaren Orten. Nein, den Schlag Mensch, die es dorthin verschlägt, weil ihr Horizont nicht an irgendeiner (europäischen) Grenze endet. Vielleicht ist es eine Gruppe Verrückter, aber wenigstens haben wir diese Welt noch nicht aufgegeben. Denn wir haben gesehen wie schön sie ist, haben erlebt wie gut und herzlich Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen miteinander auskommen können.

 
Gabriel hat derweil die Rucksäcke von Alex und seines Landsmanns aus der anderen Gruppe übernommen. Mit zwei Rucksäcken hinten und einem vor der Brust, wirkt er wie ein überladener Sherpa. Er motiviert die beide zum weitergehen, gerade der Panamaer will immer wieder umdrehen. Dann geht er drei Minuten in überhöhtem Tempo und setzt sich dann wieder hin. Sie bleiben nun deutlich hinter uns und oft holen sie uns in den Pausen gar nicht mehr ein. Als sich gegen halb fünf der Wald um uns lichtet sehe ich jemand auf dem Weg stehen. Es ist der Guide, der plötzlich ganz besorgt nach seinem Gruppenmitglied fragt. Zehn Minuten später treffen wir die anderen drei, frierend in Regenkleidung eingepackt sitzen sie auf einem Stein, angeblich seit zwei Stunden. Vielleicht war die Funktionskleidung zu verschwitzt… Ich fühle mich in meiner Entscheidung bestätigt bei der Gruppe geblieben und zwar langsam, aber stetig aufgestiegen zu sein. Denn nochmal weiterzugehen, wenn man erstmal komplett ausgekühlt ist, ist unangenehm. Mittlerweile trage ich auch Fleece und Jacke. Die Zeit vergeht dann doch ziemlich schnell. Wir bemerken wie wir durch die Wolken steigen, denn man kann trotz der Lampen kaum noch mehr als einen Meter sehen. Irgendwann sind wir durch und die Sicht wird klarer. Eine rote Lampe ist aus der Ferne zu erkennen, da scheint der Gipfel zu sein. Wir passieren einen Holzunterstand, die Campingstelle, für diejenigen, die Tagsüber auf- und absteigen und eine Nacht auf dem Berg bleiben. Gegen halb sechs erreichen wir den letzten steilen Teil der Strecke. Mehdi bleibt mit Cecille ein Stück zurück, während ich mit Andrew vorausgehe. Es zieht sich und der Gipfel scheint nicht näher zu kommen. Hier macht sich auch die Höhe bemerkbar und ich muß zeitweise nach Luft schnappen. Im Schneckentempo quäle ich mich die letzten Schritte nach oben. Der Weg ist teilweise so steil und die Hindernisse so groß, dass ich immer noch nicht weiß welches Fahrzeug hier hochfahren will. Es ist drei Minuten vor sechs, als wir den Vorgipfel mit der Wetterstation erreichen. Und wie bestellt kommt die Sonne rot leuchtend am Horizont hervor. Sonnenaufgang auf dem Vulkan Barú – Check!

 
Vor dem Eingang zur Wetterstation begrüßt uns ein Wärter, scheinbar erfreut über ein wenig Besuch. Es sind noch ein paar Meter zum Hauptgipfel. Mehdi und Cecille sind auch eingetroffen, mittlerweile ist es richtig kalt, etwa um den Gefrierpunkt und ich wünsche mir ein paar Handschuhe. Auf den nächsten Meter müssen wir am nassen Fels entlang klettern, um zum Gipfelkreuz zum kommen. Nach 10 Min. Kletterei sind wir angekommen auf 3.475 m, auf dem höchsten Berg Panamas. Gut 500 m höher als der höchste deutsche Gipfel. Genau jetzt ziehen die Wolken wieder zu und der Blick geht Richtung null. Wir warten. Immer mal wieder reißen die Wolken auf und die Sonne kommt durch. Dann haben wir auch endlich freie Sicht Richtung Pazifik. Nach fast einer Stunde kommen Gabriel und Alex nach. Gabriel immer noch in Shorts und T-Shirts, fest behauptend ihm sei nicht kalt. Dann zieht er doch zumindest eine lange Hose darüber. Wir warten, aber so richtig frei will die Sicht nicht werden und wir klettern zurück zum Vorgipfel. In den Wolken hat selbst der “Antennenwald“ nun etwas ansehnliches.
Vor der Wetterstation gibt es leider wieder so ein beschämendes Bild. Dort stehen Abfallbehälter, leider alle randvoll und davor ein Haufen mit Müll. Auch Gabriel wirft seinen Abfall dazu. Es ist ja schön, dass man den Müll an einer Stelle sammelt, aber holt ihn auch jemand ab?! Bei der handvoll Personen, die hier täglich heraufkommen und dann auch keine riesigen Mengen dabei haben, kann man abschätzen, dass dieses Jahr noch keine Leerung stattgefunden hat. Und das in einem Nationalpark. Wir machen noch ein paar Erinnerungsfotos, u.a. mit einer Panama-Flagge, die Cecille mitgebracht hat. Ich tue mich schwer, wo denn oben ist, da eilen mir der Guide der anderen Gruppe und sein verlorener Gast (der nun auch eingetroffen ist) schon zur Hilfe. Was wäre peinlicher als die Flagge falsch herum zu halten. Die Fläche ist relativ groß und ich laufe einmal um die Anlage herum, was eher unspektakulär ist. Nachdem ich beim herumlaufen meine Hände in den Taschen hatte, sind meine Finger wieder warm, außer Zeige-und Ringfinger meiner linken Hand. Die hatte ich mir bei der Besteigung des Vulkan Villarrica in Chile angefroren und jetzt sind genau die beiden wieder taub. Manch einer meiner Freunde mit Bergerfahrung mag das nicht glauben, aber ist tatsächlich so 🙂

 

Wir verweilen fast zwei Stunden auf dem Gipfel und warten auf freie Sicht Richtung Karibik. Ab und an meinen wir etwas erkennen zu können…war das nun Land oder nur eine dunkle Wolke?! Richtig erfahren werden wir es wohl nie, aber die Tour hat sich in jedem Fall gelohnt, auch wenn der schwerste Teil noch kommt… Um acht starten wir den Weg zurück. Gabriel zeigt uns in einer Biegung das Wrack eines Fahrzeugs, das hier den Hang hinunter gestürzt ist. Kein Wunder, denn nun sehen wir auch bei Tageslicht, wo wir herauf gekommen sind. Leider habe ich von den entsprechenden Stellen keine Bilder und die ihr unten findet zeigen eher die besseren Teile der Piste. An dem Zeltplatz entscheidet Gabriel sich dort erstmal hinzulegen und zu schlafen. Die letzte seltsame Aktion, von dem sonst doch netten Kerl (der uns zum Glück nicht umgebracht hat^^). Alex entscheidet sich bei ihm zu bleiben, da sie auch müde ist. Beide legen sich auf den Boden des offenen Unterstands und wir gehen weiter bergab. Der Weg führt wie beschrieben mitten durch den Nebelwald mit seinen riesigen, mit Moos überzogenen Bäumen. Mir schmerzt einer meiner Fußnägel und beim bergab Gehen stoße ich beim jedem Schritt vorne an, was sehr unangenehm ist. Ich verlangsame mein Tempo, wohlwissend das die Anzahl der Schritte die selbe bleiben wird. Die anderen drei lasse ich ziehen, denn ich merke, dass ich so nicht vernünftig weiterlaufen kann. Ich schnüre den Schafft enger, versuche leicht seitlich zu gehen, aber nichts hilft. Bei jedem Schritt scheint sich der Nagel in sein Bett zu rammen. So hinke und humpele ich die nächsten 2 Stunden den Berg hinunter, weshalb ich wenig Blick für die Landschaft um mich herum habe. An einer eigentlich einfachen Stelle rutsche ich dann noch weg und lande auf dem Allerwertesten. Nachdem ich mir den Dreck aus der Kleidung geklopft habe und weitergehe, passiert mir das gleiche kurz später nochmal. Vielleicht ist es auch die einsetzende Müdigkeit, denn abgesehen von der 1 Std. Schlaf bin ich nun 28 Stunden wach, inklusive einer körperlich anstrengenden Bergbesteigung. Die anderen höre ich ab und zu noch, kann sie aber nicht erblicken. Irgendwann höre ich sowas wie Kinderweinen. Erst meine ich mich zu irren, doch es kommt immer wieder. Eine halbe Stunde später entdecke ich die Ursache: Eine Schafsweide. Sobald einer blökt, blöken alle nach der Reihe, auch die Kleinsten, deren Ton mich irritiert hat. Am nächsten Hang überhole ich den Guide mit seinem Problemfall, der nun vor sich hin stolpert und nach jedem Schritt sitzen bleiben will. Der Rest der anderen Gruppe wartet (mal wieder) auf ihn, auf der nächsten Anhöhe und scheint einen Quetzal (seltener Vogel) entdeckt zu haben. Selbst das kann mich augenblicklich nicht erfreuen. Die Tafeln mit den Kilometer-Angaben erscheinen nun alle 500 m, und es sind lange, sehr lange 500 m. Am meisten verfluche ich die 1 km Tafel, die ich schon viel früher vermute und die dann noch ewigst auf sich warten lässt. Als ich gegen 11.30 Uhr endlich an der Rangerstation ankommen, sehe ich dass die anderen gerade mal 10 Min. vor mir waren. Auf meiner Frage meint der Ranger, dass eine Fahrmöglichkeit hier schwierig sei. Ich solle zur Bushaltestelle laufen. Vom Fusse des Berges nochmal 15 Min. – Klasse…

Unten angekommen, kommt mir gerade ein Mann mit seiner Frau und deren Mutter (?) entgegen. Ich spreche ihn an, wo der Bus fährt. Er meint heute gar nicht. Dann diskutiert er mit den beiden Damen, ob er mich schnell nach Boquete fahren soll. Die beiden wollen ihren Sonntagsspaziergang aber nicht unterbrechen. Ich gehe die Straße entlang Richtung Haltestelle. In Südamerika-Manier halte ich Daumen raus. Der erste Wagen fährt vorbei, der zweite Laster ist voll, Nummer drei hält an. Ich renne (ja, das geht irgendwie plötzlich) hinterher, frage wohin: Boquete-perfekt. Ich steige hinten auf die Ladefläche des Pick-Ups und ab geht es. So mag ich diese Geschichten: Berge ohne Führer besteigen und dann zum Abschluss zurück trampen!

Leider entdecke ich die Bushaltestelle zu spät, ich nehme an dort sitzen meine Begleiter. Dank der rasanten Fahrweise, sind wir in 10 Min. an der Kreuzung kurz unterhalb unseres Hotels. Ich klopfe kurz an die Scheibe, der Fahrer hält an. Ich springe ab, bedanke mich nochmal und winke zum Abschied. Im Garten des Hotels warten Vanessa und Lotte schon auf mich. Ich ziehe erstmal die Schuhe aus und muß mich setzen. Fast exakt 12 Std. war ich nun unterwegs, Zeit fürs Bett. Mit Muskelkater stehe ich am späten Nachmittag wieder auf. Im Ort treffe ich Andrew und später laufen Mehdi und Cecille bei uns vorbei. Sie hatten auch vergeblich versucht einen Bus zu erwischen und hätten dann aber ein Taxi bekommen. Wir beschließen noch einen Tag zu bleiben, um dann erst am Dienstag weiterzureisen, nach Bocas del Toro.